Einführung
QUARC



Software zur Unterstützung von qualitativer Datenanalyse - Was ist das? (Oder besser gefragt, was ist es nicht?)

Im Gegensatz zu statistischen Analyseprogrammen, analysiert QDA Software keine Daten. Der Computer erbringt 'nur' eine Unterstützungsleistung, er ist ein Handwerkszeug.

Wofür ist sie nützlich?

Sie entlastet den Menschen von solchen Dingen, die eine Maschine sehr viel besser und effektiver durchführen kann. Mit Hilfe von Software können qualitative Datenanalysen systematischer und nach strikteren Kriterien durchgeführt werden. Voluminöses Datenmaterial kann mit vergleichsweise geringem Arbeitsaufwand strukturiert und in einer überschau- und nachvollziehbaren Weise dargestellt werden.

Wie funktioniert's?

Basismethode: Code-und-Retrieve Textpassagen werden markiert und Schlüsselwörter, die sogenannten Codeworte, werden zugeordnet. Diese codierten Textsegmente können dann schnell und gezielt wiedergefunden werden, gegebenfalls auch anhand komplexer Suchstrategien, wie zum Beispiel logischen Operatoren. Dies kann durch folgende Komponenten erweitert werden: Das Verfassen von Memos und Anmerkungen Textsuchfunktionen Verwaltung von standardisierten Variablen, welche u.a. erlauben, die Variablenwerte als Selektionskriterien beim Text-Retrieval einzusetzen Verknüpfen von Projektelementen. Graphische Darstellung von Kategorien und von theoretischen Konzepten in Form von Netzwerken, bzw. Hierarchien.

Was sind die Vorteile der computerunterstützten qualitativen Datenanalyse?

  • Schnelligkeit
  • Komplexe Analysevorgänge werden ermöglicht, bzw. vereinfacht.
  • Erhöhte Flexibilität
  • Faktisch bestehen keine Begrenzungen mehr in Bezug auf das Datenvolumen (auch wenn praktische Gründe oft dagegen sprechen).
  • Neue Formen der Datenexploration werden ermutigt.
  • Eine systematische Untersuchung des Datenmaterials nach strikteren Kriterien ist möglich.
  • Glaubwürdigkeit und Status der qualitativen Sozialforschung wird erhöht.
  • Was sind die Nachteile?

    • Gefahr, daß die 'Nähe' zu den Daten verloren geht.
    • Es besteht die Versuchung eine Analyse zwar schnell aber ungenau durchzuführen (quick and dirty).
    • Nicht alles kann in eine maschinenlesbare Form gebracht werden (z.B. Markieren von Textpassagen mit bunten Stiften und nach persönlichen Präferenzen).
    • Gewonnene Überschaubarkeit des Datenmaterials kann durch zu hohe Komplexität wieder verloren gehen.
    • Sinn und Zweck von Computerprogrammen können leicht mißverstanden werden und zu banale und zielverfehlten Analyseergebnissen führen.

    Aus welchen Teilen setzt sich die computerunterstützte qualitative Datenanalyse zusammen?

    • Lesen des Datenmaterials Codieren, segmentieren, und de-kontextualisieren auf
      • a) der textuellen Ebene
      • b) der konzeptionellen Ebene
    • Re-kontextualisieren, Exploration der codierten Segmente
    • Finden von Erklärungen
    • Möglicherweise: Zuführen von Zwischenergebnisse in das System zur weiteren Analyse (system closure)
    • Verfassen von Memos und Anmerkungen
    • Erstellen von Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen der Analyse
    • Visualisierung von Ergebnissen

    Welche Arten von Software gibt es, die die Analyse von qualitativen Daten unterstützen?

    • Standardprogramme (z.B. ein übliches Textverarbeitungsprogramm)
    • Standardprogramme ermöglichen das gezielte Suchen von Wörtern oder Zeichenketten im Text. Bedingt können Kategorien mit Schlüsselwörtern versehen und wiedergefunden werden. Textpassagen, die zu einer bestimmten Kategorie gehören, lassen sich dann z.B. in unterschiedlichen Dateien abspeichern. Qualitative Datenanalyse ist möglich, stellt aber im Vergleich zu manuellen Methoden nur eingeschränkt eine Arbeitserleichterung dar.

    • Text Retrievers und Text Managers (z.B. Sonar Professional, FolioVIEWS)
    • Diese Programme sind spezialisiert auf das Finden von Wörtern und Zeichenketten im Text und können dies viel schneller als herkömmliche Textverarbeitungsprogramme, da ihre interne Struktur eine andere ist. Weitere Funktionen sind das Kennzeichnen und Sortieren von Text in neuen Dateien und das Verknüpfen von Anmerkungen und Memos mit dem Originaltext. Einige Programme befähigen zur detaillierten Inhaltsanalyse; sie besitzen Zählfunktionen, zeigen Worte im Kontext an und bilden Wortlisten. Was diese Programme nicht können ist Textpassagen mit frei definierte Kategorien zu codieren.

    • Regelbasierte theoriebildende Systeme (z.B. HyperReserach)
    • Das Codieren und Wiederfinden von Textpassagen ist ebenfalls Grundbestandteil, allerdings liegt der Schwerpunkt auf einem deduktiven und caseorientierten Analyseverfahren. Es können Regeln definiert und dann überprüft werden, ob bestimmte Fälle diesen Regeln entsprechen.

    • Logikbasierte Systeme (z.B. AQUAD)
    • Ähnlich wie regelbasierende Systeme dienen sie eher der deduktiven Analyse, arbeiten aber differenzierter. Sie stützten sich auf logic programming und die Computersprache Prolog. Code-und-Retrieve gehören auch hier zu den Basisfunktionen, aber zusätzlich können eine Reihe von interessanten Suchoperationen durchgeführt werden, wie z.B. das Finden von positiven und negativen Fällen. Die Ergebnisse werden in der Regel numerisch dargestellt.

    • Klassische Code-und-Retrieve Programme – die heutzutage aber auch schon mehr können als nur Code-und-Retrieve (z.B. Ethnograph, winMAX)
    • Diese Programme basieren auf das anfangs beschriebene Codieren und Segmentieren von Text. Einige ermöglichen auch das Finden von Zeichenketten im Text. De-kontextualisierte Textpassagen können leicht der Originaltextstelle zugeordnet werden und das Verfassen von Memos und ein hierarchisches Display von Codes sind oft integrative Bestandteile. Neuere Versionen der Programme erlauben vielfältige Möglichkeiten der Datenanalyse.

    ANMERKUNG: Die im folgenden aufgeführten Programme werden oft als "Theoriebildner" beschrieben. Diese Bezeichnung kann irreführend sein und daher wurde versucht, andere Beschreibungsmerkmale für diese Programme zu finden.

    • Der index-basierte Ansatz (Nud*ist)
    • Das Merkmal welches Nud*ist im besonderen auszeichnet, ist die Darstellung des Kategorie- oder Indexsystems in einer hierarchischen, sich nach unten verzweigende Baumstruktur. Innerhalb dieser Struktur können Verknüpfungen zwischen den sich entwickelnden oder den schon vorgegebenen theoretischen Kategorien erstellt bzw. manipuliert werden. Suchergebnisse können als neue Elemente in das Indexsystem eingebaut werden. Dies wird als system closure bezeichnet.

    • Konzeptionelle Netzwerkbildner

      - basierend auf Code-und-Retrieve (ATLAS/ti):
    • Neben Code-und-Retrieve Funktionen ermöglicht Atlas/ti das Explorieren von Daten innerhalb von semantischen Netzwerken. Hierarchien stellen dabei einen Sonderfall dar. Die Möglichkeit der Visualisierung und der Verknüpfbarkeit von einzelnen Objekten zeichnet Atlas.ti besonders aus.

      - basierend auf graphischer Darstellungen (z.B. Inspiration, Decision Explorer):

      Bei diesen Programmen stehen die graphischen Funktionen im Vordergrund und eine Code-und-Retrieve Funktion wird nicht angeboten. Inspiration und Decision Explorer bieten Schnittstellen zum Importieren von Nud*ist Indexsystemen an. Dies ermöglicht die Kombination eines Code-and-Retrieve Ansatzes mit der graphischen Exploration von Ergebnissen.

    Auf welche Merkmale und Funktionen sollte man achten, bevor man sich für ein Programm entscheidet?

    • Dateneingabe
      • Ist ein programmspezifisches Format notwendig oder kann man Dateien verwenden, die in einem üblichen Textverarbeitungsprogramm erstellt wurden?
      • Ist die Dateneingabe direkt im Programm möglich und welche Editierfuntionen gibt es?
    • Art und Weise der Codierung
      • Was ist die kleinstmögliche Analyseeinheit?
      • Ist interaktives Codieren auf dem Bildschirm möglich?
      • Wie sieht die Art der Markierung und ihre Sichtbarkeit aus?
      • Sind Automation, in-vivo und abstraktes Codieren möglich?
      • Art des Analyseansatzes und der Methode Variablenorientiert oder fallorientiert, induktiv oder deduktiv, hermeneutische, grounded theory, inhaltsanalytische, usw. Methoden?
    • Memos und Anmerkungen
      • An welcher Stelle und für welche Objekte können Memos oder Anmerkungen geschrieben werden?
      • Wie gut sind diese sichtbar, können sie mit anderen Elementen verknüpft werden?
    • Suchfunktionen
      • Welche Suchmöglichkeiten gibt es, z. B. Suche nach: Worten, Zeichenketten oder Textmustern?
      • Einsatz von logischen Operatoren (Boolsche Größen, Distanzmaße, etc.)?
      • Gibt es Dialogfenster um Codeworte aus Listen auszuwählen und/oder um bestimmte Teilmengen für eine Suche zu spezifizieren?
    • Ausgabe der Ergebnisse
      • Auf dem Bildschirm, als Print-Ausdruck oder auf Datenträgern speicherbar?
      • Ist die Auswahl von Teilergebnisse möglich und in welcher Form?
      • Ist ein einfacher Zugriff auf Kontext möglich und ist die Herkunft von de-kontextualisiertem Text leicht zu identifizieren?
    • Verknüpfung
      • Können Text, Codeworte, Memos und Anmerkungen miteinander verknüpft werden?
    • Konzeptionelle Theorieentwicklung
      • Ist dies innerhalb des Programms möglich?
      • Wie werden Verknüpfungen dargestellt, in Netzwerke (Hierarchien) oder Matrizen?
      • Ist graphisches Editieren möglich?
    • Log Funktion
      • Ist die Analyse nachvollziehbar?
    • Netztauglichkeit und Unterstützung von Teamarbeit
    • Benutzerfreundlichkeit und Anwenderunterstützung

    Noch ein paar Fragen, die man sich stellen sollte, bevor man sich für ein bestimmtes QDA Programm entscheidet:

    • Welcher Computerbenutzergruppe gehöre ich an?
    • Wähle ich das Programm nur für das derzeitige oder auch für zukünftige Projekte aus?
      Das heißt, kann ein Programm gewählt werden, daß spezifisch auf das derzeitige Projekt paßt oder sollte die Entscheidung auf eher umfassendere, längerfristig tragende Kriterien basiert sein.
    • Mit welcher Art von Daten werde ich arbeiten?
    • Woher kommen die Daten, aus einer oder aus mehreren Quellen?
      (z.B. transkripierte Interviews plus Videoaufnahmen, oder zusätzliches Grafik und Audiomaterial, oder off-line Dokumente, oder.....)
    • Sind die Daten strukturiert oder offen?
    • Arbeitet man mit einem single- oder einem multi-case Design?
    • Steht das Datenvolumen schon von vornherein fest oder kommen im Laufe des Projekts noch weitere Daten hinzu?
    • Welche Art der Analyse möchte ich durchführen?
    • Explorativ oder bestätigend (induktiv oder deduktiv)
    • Steht das Codierschema fest oder soll es sich sukzessive entwickeln?
    • Soll eine iterative oder eine 'one pass' Analyse durchgeführt werden?
    • Welchen Feinheitsgrad möchte ich erreichen?
    • Wie wichtig ist der Kontext?
    • Sollen die Ergebnisse qualitative und/oder quantitative Elemente enthalten?
    • Wie wichtig ist es mir, die 'Nähe' zu meinen Daten zu erhalten?
    • Wie hoch ist mein Etat und welche technischen Voraussetzungen sind gegeben?
    • Was sollte ein gutes Programm für Eigenschaften besitzen?
      • Flexible Form der Datenverwaltung
      • Einfaches interaktives Codieren auf dem Bildschirm
      • Einfache, aber vielgestaltige Suchmöglichkeiten nach Zeichenketten und Codeworten
      • Vollständige Darstellung der Treffer als Ergebnis einer Suchoperation
      • Variierbarer Kontext und freies Manipulieren von Suchergebnissen, z.B. Möglichkeit, Teilergebnisse zu markieren und zu speichern
      • Vorkehrungen, um Memos und Anmerkungen zu verfassen, die dann auch mit anderen Analysekomponenten verknüpft werden können
      • Log Funktion
      • Darstellungsmöglichkeiten von konzeptionellen Schemata, z.B. in Form von Netzwerken (in Anlehnung an Hubermann und Miles (1995), siehe Literaturverzeichnis)

    QUARC - Qualitative Research & Consulting, Dr. Susanne Friese, Dr. Susanne Friese, Fallingbosteler Strasse 1, D-30900 Bissendorf, Germany
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